Auszüge aus dem Buch von Basileios Petrakos Generalsekretär
der Archäologischen Gesellschaft Athen*
Eine 1994 erschienene Untersuchung von Basileios Petrakos, befaßt
sich mit dem Schicksal antiker Kunstschätze in Griechenland während
des zweiten Weltkrieges (Ta archaia tis Ellados kata ton polemo 1940-1944,
Mentor 7, Heft 31, Athen 1994, S. 69-185). Im Brennpunkt dieser Recherche
stehen die archäologischen Aktivitäten deutscher Wissenschaftler
und Soldaten in Griechenland in dem relativ kurzen Zeitraum von 1940-1944.
Petrakos ist der erste Archäologe, der diese dramatische Zeit
aus griechischer Sicht schildert. Obwohl das Kriegsende schon über
50 Jahre zurückliegt, gibt es bisher nur wenige tiefergehende Untersuchungen
zu diesem Thema.
Außer der Publikation von Petrakos, liegt eine ausführliche
Studie des deutschen Historikers Volker Losemann vor, die u.a. Aufschluß
über das Ziel und die Machtstrukturen deutscher Forschungseinrichtungen
in Griechenland gibt (V. Losemann, Nationalsozialismus und Antike. Studien
zur Entwicklung des Faches Alte Geschichte 1933-1945, Historische Perspektiven
7, Hamburg 1977).
Der deutsche Archäologe Roland Hampe, der während der Besatzungszeit
in Griechenland lebte und arbeitete, versuchte bereits 1950 nachzuweisen,
daß während der deutschen Besatzungszeit in Griechenland
archäologische Denkmäler weder gestohlen noch beschädigt
wurden (Rezension zum griechischen und englischen Kunstschutzbericht
in: Gnomon 22, 1950, S. 1-17). In einer später erschienenen, kleinen
Monographie hebt er hervor, daß er selbst als Dolmetscher des
Generals Hellmuth Felmy, sich dafür einsetzte, daß Athen
beim Abzug der deutschen Soldaten im Herbst 1944 nicht zerstört
wurde (R. Hampe, Die Rettung Athens im Oktober 1944, Wiesbaden 1955;
griechische Übersetzung: I diasosi tis Athinas ton Oktobrio tou
1944, Athen 1994; Einleitung des Archäologen Th. Kalpaxis und Anhang
mit kritischen Kommentaren von griechischen Politikern und Wissenschaftlern
aus dem Jahre 1955; zu den historischen und politischen Hintergründen
s. auch H. Richter, Griechenland zwischen Revolution und Konterrevolution
1936-1946, Frankfurt a.M. 1973, S. 491ff.).
Neueren Datums sind die Publikationen von K. Junker (Das Archäologische
Institut des Deutschen Reiches zwischen Forschung und Politik: die Jahre
1929 bis 1945, Mainz 1997; Research under dictatorship: the German Archaeological
Institute 1929-1945, Antiquity 72, 1998, S. 282-292), J. F. Hiller von
Gaertringen (Deutsche archäologische Unternehmungen im besetzten
Griechenland 1941-1944, Athener Mitteilungen 110, 1995, S. 461-490)
und S. J. Marchand (Down from Olympos: Archeology and Philhellenism
in Germany, 1750-1970, Princeton University Press 1996).
Informativ, jedoch sehr polemisch geschrieben und zum Teil fehlerhaft,
ist das 1993 erschienene Buch von Kyriakos Simopoulos. In einem längeren
Abschnitt wird auf Raub und Zerstörung griechischer Kulturdenkmäler
während des 2. Weltkrieges eingegangen (K. Simopoulos, I leilasia
kai i katastrophi ton ellinikon archaiotiton, Athen 1993, S. 59-67).
In der Untersuchung von Petrakos wird eindrucksvoll dargelegt, welche
Konsequenzen die deutsche Besatzung für den Museumsbetrieb und
die Forschungstätigkeit griechischer Archäologen hatte. Der
Bericht gewinnt dadurch an Farbe und Lebendigkeit, daß zeitgenössische
Quellen zitiert und analysiert werden. Es ist ein besonderes Verdienst
des Autors, daß er Zeitungsartikel, z.T. unpublizierte Tagebuchaufzeichnungen,
Briefe und Augenzeugenberichte gesammelt und ausgewertet hat.
Um einen Eindruck von der damaligen Atmosphäre in Griechenland
zu vermitteln, möchte ich im folgenden einige besonders prägnante
Aussagen von Zeitgenossen verkürzt wiedergeben. Basileios Petrakos
danke ich herzlich dafür, daß er mir die von ihm verwendeten
deutschen Originaltexte in Kopien überlassen hat.
Beginn des Krieges
Am 15.8.1940 wird der griechische Kreuzer "Elli" vor der östlichen
Kykladeninsel Tinos von einem italienischen U-Boot torpediert. Am 28.10.1940
wird der griechischen Regierung um 3 Uhr morgens ein Ultimatum gestellt.
Italien fordert "zu seiner Sicherheit" militärische Stützpunkte
an verschiedenen Orten des griechischen Territoriums. Hierauf reagiert
General Metaxas drei Stunden später mit seinem legendären
"Ochi" (Nein). Es kommt zum Krieg zwischen Italien und Griechenland.
In dieser Zeit herrscht in Athen eine ausgesprochen antirömische
Einstellung. In den Zeitungen werden die Italiener als Barbaren beschimpft.
Das antike Rom wird als kulturlos, als eine schlechte Kopie, Übersetzung
und Imitation des antiken Hellas gewertet: Vergil ahme Homer nach, Plautos
und Terentius imitieren Menander und Aristophanes.
Sehr gut sind hingegen die Beziehungen zu England. John Myres, Präsident
der British School of Archeology in London, schickt ermutigende Telegramme
an die griechische Regierung und an die griechische Archäologische
Gesellschaft. In der archäologischen Zeitschrift (Journal of Hellenic
Studies) von 1940 befindet sich eine Widmung an die griechischen Freiheitskämpfer:
(Die Engländer grüßen die Griechen; nicht nur die Marathonkämpfer
veehren wir, aber auch Euch, die Ihr nicht schlechter als diese Väter
seid).
Die Griechen werden als direkte Nachfahren der heroischen Kämpfer
von Marathon und den Thermopylen angesehen. Es wird sogar versprochen,
nach Kriegsende die sog. Elginmarbles an Griechenland zurückzugeben.
Ambivalent ist hingegen das Verhältnis Griechenlands zu Deutschland.
Noch im Dezember 1940 verschickt die griechische Archäologische
Gesellschaft ein Glückwunschtelegramm anläßlich der
Winckelmannfeier (Johann Joachim Winckelmann, 9.12.1717-8.6.1768; Gründer
der neueren Archäologie und der modernen vergleichenden Kunstgeschichte):
"Archaeologische Gesellschaft Athen gratuliert vollherzlich Berliner
Schwester hundertste Feier unsterblichen Humanisten Winckelmann, dessen
Andenken staehlt Griechenlands Kampf für höchste Güter
Humanismus".
Indirekt weist dieses freundlich verfaßte Schreiben auf den Entschluß
des griechischen Volkes hin, für Freiheit und Unabhängigkeit
zu kämpfen. In dieser Phase des griechisch-italienischen Krieges
war die Rolle Deutschlands nicht ganz klar. Ein direkter Angriff Deutschlands
auf Griechenland wurde zunächst für ausgeschlossen gehalten.
Erste Schutzmaßnahmen
Bereits im Juni 1940 verbot der Kultusminister N. Spentzos die Erteilung
weiterer Forschungsgenehmigungen in Griechenland.
Folglich mußten alle deutschen Grabungen in Olympia, Samos und
im Kerameikos von Athen stillgelegt werden.
Am 20.6.1940 wurden erste Schutzmaß nahmen in den Museen angeordnet.
Vorrangig war hierbei die sichere Unterbringung der Ausstellungsobjekte.
Die meisten Skulpturen wurden vergraben. Hierzu legte man in den Museumshallen
Gräben an, in denen Marmor- und Bronzestatuen mit Sand zugedeckt
verwahrt wurden. Es wurden auch antike Brunnen, Gräber und Höhlen
als Versteck genutzt.
Kleinere Gegenstände wie Vasen oder Bronzebleche wurden in Holzkisten
gelagert. Münzen verschloß man in Banktresoren. Vor den Museen
wurden Schutzwälle aus Sandsäcken errichtet.
Diese Aktionen zum Schutz der antiken Kunstschätze sind in erschütternden
Fotografien dokumentiert (Petrakos S. 86-102).
Einmarsch des deutschen Heeres in Griechenland
Am 6. April 1941 überschritt die deutsche Wehrmacht die griechische
Grenze bei Florina.
Am 27.4.1941 hissen deutsche Soldaten auf der Akropolis von Athen die
Hakenkreuzfahne. In einer gefährlichen Nachtaktion vom 30. zum
31. Mai 1941 nahmen die damals noch Minderjährigen M. Glezos und
A. Santas die Hakenkreuzfahne von der Akropolis herab. Ähnliches
geschah in Olympia. Dort verschwand auf mysteriöse Weise im August
1941 die Hakenkreuzfahne (Petrakos 116). Zitat
1
Deutsche Archäologen und Wissenschaftler in
Griechenland
Während der Besatzungszeit waren in Griechenland vier deutsche
Institutionen archäologisch aktiv. Sie waren voneinander unabhängig
und lieferten sich zum Teil erbitterte Kämpfe.
Es handelt sich um das Deutsche Archäologische Institut (DAI),
den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR), den Kunstschutz der Wehrmacht
und das Auswärtige Amt (AA).
I. Archäologisches Institut des Deutschen Reiches (DAI)
Direktor von 1936-1944: Walther Wrede (1893-1990) Zitat
2
II. Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR)
Arbeitsgruppen und Sonderstäbe des Kommandos ERR, das von Alfred
Rosenberg geleitet wurde (1941-45 Reichsminister für die besetzten
Ostgebiete, 1946 im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß
zum Tode verurteilt), sammeln in Athen und Saloniki Kunstgegenstände
aus jüdischem Besitz, führen topographische Forschungen in
Lakonien sowie archäologische Grabungenin Chalkis und bei Velostino
durch. Während des Krieges wurde Grabungsmaterial nach Deutschland
gebracht.
Das Deutsche Archäologische Institut bekämpft offen den ERR.
Mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes und des Kunstschutzes
der Wehrmacht gelang es im Herbst 1941, die Sonderstäbe aus Griechenland
zu vertreiben.
III. Kunstschutzbeauftragte der Wehrmacht
Verantwortlich waren der Althistoriker Hans-Ulrich von Schoenebeck (1944
in der Normandie gefallen), der Archäologe Wilhelm Kraiker (1899-1987)
und der Historische Geograph Ernst Kirsten (1911-1987).
Sie leiteten die Veröffentlichung der "Merkblätter für
den deutschen Soldaten an den geschichtlichen Stätten Griechenlands".
Es wurden insgesamt 466.200 Exemplare gedruckt, von denen heute nur
noch wenige erhalten sind (Petrakos S. 144).
Die Merkblätter waren mit Verhaltensrichtlinien für die deutschen
Soldaten versehen:
"Soldaten, achtet die Ruinenstätten, welche Jahrtausende überdauert
haben und weiter Jahrtausende überdauern sollen.
Wer seinen Namen in den Marmor kratzt, verschandelt das Zeugnis einer
großen Vergangenheit.
Kunst und Kultur des Griechentums sind erschlossen und lebendig durch
Tatkraft und Geist deutscher Männer.
Urinieren an Marmorsäulen verdirbt den Marmor, hat Beschädigungen
der Kunstwerke zur Folge und ist eine Disziplinlosigkeit."
Außer den Merkblättern wurden während der Besatzung
noch zwei Bücher verfaßt, an denen bedeutende Wissenschaftler
wie Andreas Rumpf, Gerhardt Rodenwaldt, Ernst Buschor und Wolfgang Schadewaldt
beteiligt waren. Das 1944 erschienene Buch über die Peloponnes
trug auf seinem Titelblatt die Widmung "Von Soldaten für Soldaten"!
IV. Kulturabteilungdes Auswärtigen Amtes
Erich Boehringer (1897-1971) war von März 1940 bis April 1943 als
Kulturreferent bei der Deutschen Gesellschaft in Athen tätig. Er
hatte eine kritische Einstellung gegenüber dem NS-Regime.
Die Griechische Archäologische Gesellschaft
Während der Besatzungszeit wurde Antonis Keramopoulos (1870-1960)
zum Direktor der Griechischen Archäologischen Gesellschaft gewählt.
Ausschlaggebend waren wohl seine ausgezeichneten Deutsch- und Deutschlandkenntnisse,
aber auch sein gutes Verhältnis zur Regierung der Besatzungszeit.
Trotz dieser relativ guten Voraussetzungen traten häufig Spannungen
auf, hervorgerufen durch illegale Ausgrabungen in Saloniki und Thessalien,
den Raub eines schwarzfigurigen Tonpinax aus dem Kerameikosmusem sowie
die arrogante Haltung deutscher Archäologen gegenüber ihren
griechischen Kollegen. Zitat
3
Pläne des DAI, in Dodoni eine großflächige Ausgrabung
zu beginnen, wurden von der Griechischen Archäologischen Gesellschaft
verhindert. Unterstützung fand sie hierbei von dem deutschen Archäologen
Emil Kunze.
Schäden an Altertümern
Durch deutsche Soldaten wurden kleinere Kunstgegenstände aus Museen
oder Grabungen entwendet. Kurt Gebauer (Assistent am DAI; 1942 bei einem
Flugzeugabsturz ums Leben gekommen) wurde für den Diebstahl des
bereits erwähnten schwarzfigurigen Tonpinax im Kerameikos-Museum
verantwortlich gemacht. Aus einem Grab in Larissa verschwand ein Goldkranz.
Viele Deutsche machten sich die Hungersnot zu Nutze und kauften antike
und byzantinische Gegenstände zu Spottpreisen auf.
In Thessalien, Chalkis und Lakonien fanden unkontrollierbare Raubgrabungen
statt. Das Fundmaterial wurde nach München gebracht.
Unermeßlich waren die Schäden , wenn antike Stätten
wie das Heiligtum des Poseidons auf Sounion in moderne Befestigungsanlagen
umgewandelt wurden. Zitat
4
*Bei diesem Beitrag handelt es sich um die überarbeitete Fassung
eines Vortrages, der 1996 im Akademischen
Kunstmuseum in Bonn gehalten wurde.
Die Publikation erfolgte im
April 1999 in der deutsch-griechischen Zeitschrift des Kulturvereins "Delphi", Hrsg. Konstantinos Lajios.
Neuere Literatur konnte nur zum Teil berücksichtigt werden.
© Alexandra Kankeleit |