| Das Schicksal der griechischen Kulturschätze
während der deutschen Besatzungszeit im 2. Weltkrieg Auszüge aus dem Buch von V. Petrakos, Generalsekretär der Archäologischen Gesellschaft zu Athen* Eine 1994 erschienene Untersuchung von Vassilis Petrakos, befaßt sich mit dem Schicksal antiker Kunstschätze in Griechenland während des zweiten Weltkrieges (Ta archaia tis Ellados kata ton polemo 1940-1944, Mentor 7, Heft 31, Athen 1994, S. 69-185). Im Brennpunkt dieser Recherche stehen die archäologischen Aktivitäten deutscher Wissenschaftler und Soldaten in Griechenland in dem relativ kurzen Zeitraum von 1940-1944. Petrakos ist der erste Archäologe, der diese dramatische Zeit
aus griechischer Sicht schildert. Obwohl das Kriegsende schon über
50 Jahre zurückliegt, gibt es bisher nur wenige tiefergehende Untersuchungen
zu diesem Thema. Informativ, jedoch sehr polemisch geschrieben und zum Teil fehlerhaft, ist das 1993 erschienene Buch von Kyriakos Simopoulos. In einem längeren Abschnitt wird auf Raub und Zerstörung griechischer Kulturdenkmäler während des 2. Weltkrieges eingegangen (K. Simopoulos, I leilasia kai i katastrophi ton ellinikon archaiotiton, Athen 1993, S. 59-67). In der Untersuchung von V. Petrakos wird eindrucksvoll dargelegt, welche Konsequenzen die deutsche Besatzung für den Museumsbetrieb und die Forschungstätigkeit griechischer Archäologen hatte. Der Bericht gewinnt dadurch an Farbe und Lebendigkeit, daß zeitgenössische Quellen zitiert und analysiert werden. Es ist ein besonderes Verdienst des Autors, daß er Zeitungsartikel, z.T. unpublizierte Tagebuchaufzeichnungen, Briefe und Augenzeugenberichte gesammelt und ausgewertet hat. Um einen Eindruck von der damaligen Atmosphäre in Griechenland
zu vermitteln, möchte ich im folgenden einige besonders prägnante
Aussagen von Zeitgenossen verkürzt wiedergeben. Bassilis Petrakos
danke ich herzlich dafür, daß er mir die von ihm verwendeten
deutschen Originaltexte in Kopien überlassen hat. In dieser Zeit herrscht in Athen eine ausgesprochen antirömische Einstellung. In den Zeitungen werden die Italiener als Barbaren beschimpft. Das antike Rom wird als kulturlos, als eine schlechte Kopie, Übersetzung und Imitation des antiken Hellas gewertet: Vergil ahme Homer nach, Plautos und Terentius imitieren Menander und Aristophanes. Sehr gut sind hingegen die Beziehungen zu England. John Myres, Präsident der British School of Archeology in London, schickt ermutigende Telegramme an die griechische Regierung und an die griechische Archäologische Gesellschaft. In der archäologischen Zeitschrift (Journal of Hellenic Studies) von 1940 befindet sich eine Widmung an die griechischen Freiheitskämpfer:
(Die Engländer grüßen die Griechen; nicht nur die Marathonkämpfer veehren wir, aber auch Euch, die Ihr nicht schlechter als diese Väter seid). Die Griechen werden als direkte Nachfahren der heroischen Kämpfer von Marathon und den Thermopylen angesehen. Es wird sogar versprochen, nach Kriegsende die sog. Elginmarbles an Griechenland zurückzugeben. Ambivalent ist hingegen das Verhältnis Griechenlands zu Deutschland. Noch im Dezember 1940 verschickt die griechische Archäologische Gesellschaft ein Glückwunschtelegramm anläßlich der Winckelmannfeier (Johann Joachim Winckelmann, 9.12.1717-8.6.1768; Gründer der neueren Archäologie und der modernen vergleichenden Kunstgeschichte): "Archaeologische Gesellschaft Athen gratuliert vollherzlich Berliner Schwester hundertste Feier unsterblichen Humanisten Winckelmann, dessen Andenken staehlt Griechenlands Kampf für höchste Güter Humanismus". Indirekt weist dieses freundlich verfaßte Schreiben auf den Entschluß
des griechischen Volkes hin, für Freiheit und Unabhängigkeit
zu kämpfen. In dieser Phase des griechisch-italienischen Krieges
war die Rolle Deutschlands nicht ganz klar. Ein direkter Angriff Deutschlands
auf Griechenland wurde zunächst für ausgeschlossen gehalten.
Einmarsch des deutschen Heeres in Griechenland Am 6. April 1941 überschritt die deutsche Wehrmacht die griechische Grenze bei Florina. Am 27.4.1941 hissen deutsche Soldaten auf der Akropolis von Athen die Hakenkreuzfahne. In einer gefährlichen Nachtaktion vom 30. zum 31. Mai 1941 nahmen die damals noch Minderjährigen M. Glezos und A. Santas die Hakenkreuzfahne von der Akropolis herab. Ähnliches geschah in Olympia. Dort verschwand auf mysteriöse Weise im August 1941 die Hakenkreuzfahne (Petrakos 116). Zitat 1 Deutsche Archäologen und Wissenschaftler in Griechenland Während der Besatzungszeit waren in Griechenland vier deutsche Institutionen archäologisch aktiv. Sie waren voneinander unabhängig und lieferten sich zum Teil erbitterte Kämpfe. Es handelt sich um das Deutsche Archäologische Institut (DAI), den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR), den Kunstschutz der Wehrmacht und das Auswärtige Amt (AA). I. Archäologisches Institut des Deutschen Reiches (DAI) II. Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) Das Deutsche Archäologische Institut bekämpft offen den ERR. Mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes und des Kunstschutzes der Wehrmacht gelang es im Herbst 1941, die Sonderstäbe aus Griechenland zu vertreiben. III. Kunstschutzbeauftragte der Wehrmacht Außer den Merkblättern wurden während der Besatzung noch zwei Bücher verfaßt, an denen bedeutende Wissenschaftler wie Andreas Rumpf, Gerhardt Rodenwaldt, Ernst Buschor und Wolfgang Schadewaldt beteiligt waren. Das 1944 erschienene Buch über die Peloponnes trug auf seinem Titelblatt die Widmung "Von Soldaten für Soldaten"! IV. Kulturabteilungdes Auswärtigen Amtes Pläne des DAI, in Dodoni eine großflächige Ausgrabung
zu beginnen, wurden von der Griechischen Archäologischen Gesellschaft
verhindert. Unterstützung fand sie hierbei von dem deutschen Archäologen
Emil Kunze.
*Bei diesem Beitrag handelt es sich um die überarbeitete Fassung eines Vortrages, der 1996 im Akademischen Kunstmuseum in Bonn gehalten wurde. Die Publikation erfolgte im April 1999 in der deutsch-griechischen Zeitschrift DELPHI. Neuere Literatur konnte nur zum Teil berücksichtigt werden. HOMEPAGE |