1893-1993: 100 Jahre Allgemeines Krankenhaus Ochsenzoll

Jubiläumsband - Herausgegeben von Klaus Böhme Freundeskreis Ochsenzoll e.V.

 
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Im Hamburger Anzeiger Nr. 32 konnte man im Jahre 1927 lesen: „Wenn auch der Eindruck einer modernen Irrenanstalt ein durchaus freundlicher ist, all die mechanischen Zwangsmittel, wie Zwangsjacke und Zwangsstuhl fehlen und die Art der Irrenanstalt sich der eines Krankenhauses angenähert hat, so sind für die Behandlung der Geisteskranken natürlich immer noch, der Individualität der Kranken entsprechend, besondere Einrichtungen notwendig. Man wird den Geisteskranken immer nur soviel Freiheit gewähren können, als es der eigene Schutz des Kranken und die öffentliche Sicherheit gestattet. Dementsprechend sind „offene Türen" nur in den Pavillons möglich, in weichen harmlose, sich geordnet verhaltende Patienten untergebracht sind. Langenhorn besitzt 4 derartige sogenannte „Landhäuser". Das Gegenstück zu diesen Landhäusern sind die „gesicherten Häuser, in welchen gemeingefährliche Geisteskranke und geisteskranke Verbrecher interniert sind. Hier sind alle Fenster vergittert, für die Sicherung der Haustür ist ein besonderer Pfleger als Schließer bestimmt. Nachts patroullieren um die gesicherten Häuser Nachtwächter. Die Zahl der Pfleger, die natürlich im Gegensatz zu Strafanstaltsbeamten unbewaffnet sind, ist besonders groß. Außerdem sind zur Vermeidung von Komplotten und Überfällen mehr Einzelzimmer vorhanden als in den anderen Pavillons, wie auch die übrigen Räume, Wachsäle und Tagesräume, für eine verhältnismäßig kleine Zahl von Patienten eingerichtet sind, um die Gefahren zu vermeiden, welche eine Anhäufung gewalttätiger und fluchtverdächtiger Personen mit sich bringt.
Zwischen diesen beiden Extremen einer freien Behandlung und einer größtmögliche Sicherheit anstrebenden Verwahrung sind die für die Mehrzahl der Geisteskranken bestimmten Pavillontypen eingeschaltet. Durchschnittlich sind die Pavilions für etwa 60 Kranke bestimmt. Nur ein Männer- und ein Frauen-Pavillon sind mit über 200 Betten belegt. Die Einrichtung dieser verschiedenen Pavillontypen gestatttet ei ne dem Verhalten und der jeweiligen Behandlungsanforderung entsprechende Individualisierung.
 
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Besonders dauernder Aufsicht bedürftige Patienten sind in Wachsälen untergebracht, welche hell und freundlich sind und den Krankensälen der Krankenhäuser entsprechen. Unmittelbar neben den Wachsälen liegen die Badezimmer für Dauerbäder, die mit zwei oder vier Fayence-Badewannen ausgestattet sind. Zur Beruhigung von stark erregten Kranken sind Dauerbäder die mildeste und wirksamste Form der Behandlung. Außer den eben genannten Baderäumen gibt es natürlich noch solche für Reinigungsbäder. Ebenso wie die Wachsäle sind auch die übrigen Räume hell und luftig. Es wird Wert darauf gelegt, daß durch die Farben des Wandanstrichs und durch Fenstervorhänge, in den Tagesräumen auch durch die Bilder, der Eindruck des Kahlen und Ungewöhnlichen vermieden wird. Zu jedem Pavillon gehört ein Garten, der bei den gesicherten Häusern von einer hohen Mauer, bei den übrigen Pavillons von einem eisernen oder hölzernen Staketzaun umgeben ist. Die Höhe des Zauns ist zugleich ein Maßstab des durch die Krankheit notwendigen stärkeren oder schwächeren Abschlusses von der Außenwelt... Die Isolierung in den Einzelzimmern wird auch bei den gewalttätigen Kranken immer nur auf eine möglichst kurze Zeit beschränkt, da sie ungünstig auf den Geisteszustand wirkt. Abgesehen von einer psychischen und medikamentösen Behandlung ist eine dem Zustand entsprechende Beschäftigung als Heilfaktor von großer Bedeutung. Sie lenkt die Kranken von ihren Wahnideen und Sinnestäuschungen ab und wirkt der Neigung, sich von der Wirklichkeit abzuwenden und in den Träumereien des Wahns zu verlieren, entgegen. Eine moderne Irrenanstalt ist bestrebt, alle Kranken, soweit es nur angängig ist, zu beschäftigen".
Vorstehender Artikel ist von einem Arzt des Krankenhauses geschrieben, Dr. Kankeleit. Der folgende Artikel aus dem Hamburger Anzeiger vom 13.12.1928 ist überschrieben „irrenhausreformen" – Interessante Versuche in Langenhorn –. „Die Geschichte der Irrenhäuser ist voll von Reformen, nachdem man den Geisteskranken erst einmal das Recht auf ihnen angemessene Pflege zuerkannt hatte, setzte auch ihre Befreiung, die Humanisierung der Behandlung, ein. Zwangsjacken, Käfigbetten, Gitterfenster und ähnliche Zwangsbewachungsmittel sind immer mehr in Fortfall gekommen. Aber noch werden widerspenstige Kranke „gewickelt", man verabfolgt ihnen feuchte Packungen, Dauerbäder oder Beruhigungsmittel.
 
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Jedoch eine neue große Reform steht in Aussicht. So hat man in dem festen Haus der Langenhorner Anstalten – unter geistig schwer Erkrankten – die üblichen Zwangsmittel bereits radikal abgeschaftt und der verantwortliche Leiter, Oberarzt Dr. Sierau, berichtet von recht guten Erfolgen. Der Übergang zu der neuen Methode war gewiß nicht leicht. Die ersten Nächte verliefen recht aufregend und unruhig. Daß die Gewöhnung an einschläfernde Gifte plötzlich unbefriedigt blieb, fiel den Kranken zunächst sehr lästig; aber schon in wenigen Tagen hatten sich viele auf die neue Behandlung eingestellt. Sie verhalten sich jetzt von selbst so ruhig, wie man sie früher bestenfalls mit den alteingebürgerten Zwangsmitteln machen konnte. Sie sind umgänglicher, neigen weniger zu Zerstörungen und Gewalttätigkeiten und kommen von selbst dazu, ihre Zeit mit Arbeit auszufüllen, wie es den Grundsätzen der heute weit verbreiteten Arbeitstherapie entspricht. Ist ihre Tätigkeit vielleicht nur in recht bescheidenem Umfang eigentlich produktiv, so finden sie doch Anregung, wie sie ihnen in stumpfem Dahinleben fehlen wü rde... Viel bleibt allerdings noch auf diesem Wege zu tun-. die Patienten brauchen unter den modernen Verhältnissen mehr seelischen Halt als früher. Bei den geschilderten Langenhorner Versuchen will man ihnen helfen, indem man sie als normale, vernünftige, geistig gesunde Menschen behandelt. [...] Man hält sie an, vernünftig zu denken, wie man etwa im gewöhnlichen Leben jemandem einen „verrückten Einfall" ausredet. Eine völlige Heilung tritt natürlich in den schwierigen Fällen nur selten ein. Aber da die Krankheit in „Schüben" verläuft, die normalen und abnormalen Zustände wechseln, bringt eine solche Einwirkung nicht nur vorübergehende Erfolge: Sie bessert manche und hindert viele wenigstens, allzu tief in die Abgründe ihrer Krankheit zu versinken. Eine außerordentlich wichtige Rolle in der modernen Heilpflege der Geisteskranken spielt ferner die Fähigkeit des Arztes und Pflegers, zu dem Patienten in persönlichen Kontakt zu kommen. Eine solche sympathische Bindung [...] hellt nicht nur den reichlich kühlen und mitunter auch unsympathischen Irrenhauston auf, sondern ermöglicht nach vielfachen Erfahrungen den Ärzten und Pflegern ein leichteres und hingebungsvolleres Arbeiten.
Die Frage bleibt allerdings, ob man nicht darüber hinaus versuchen soll, die Kranken von diesen Bindungen wieder zu befreien, die Fehler ihrer innerlich falsch erlebten Vergangenheit zu korrigieren und sie dabei wieder geistig und seelisch selbständig zu machen. Die Fähigkeiten der Nervenärzte auf diesem Gebiet des Heilens genügen vielen Arten der Geisteskrankheit noch nicht. Aber die Erfahrungen, die die verschiedenen tiefenpsychologischen Methoden in dieser Hinsicht sammeln konnten, verlangen trotz ihrer Unvollkommenheit im Interesse der Kranken wie der Allgemeinheit sorgsamste Pflege [...]".
 
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Aber auch diese Ansicht gab es:
3. Am 21. Dezember 1925 erschien im „Hamburger Anzeiger" ein längerer Artikel von einem Arzt der damaligen Staatskrankenanstalt Langenhorn mit der Überschrift: „Was kosten die Minderwertigen den Staat?" Darin hieß es u.a.:„Im Naturzustande wird alles Minderwertige ausgerottet, indem es im Kampf ums Dasein zugrunde geht. Die Tiere und ebenso der Mensch in völlig unzivilisiertem Zustande betreuen und schützen die Nachkommenschaft, so lange sie der Fürsorge bedarf, doch neigen sie eher dazu, schwächliche, kranke, entartete Artgenossen zu vernichten, als für sie zu sorgen. Es ist dies ja auch schon infolge der harten Existenzbedingungen meistens nicht möglich [...]".